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Betriebstyp muss zum Lebensmodell passen
Dr. Reil erinnerte an die vielen Risiken in der Milchviehhaltung. „In diesen bewegten Zeiten muss sich jeder Betriebsleiter Gedanken über die eigene Zukunft machen. Wie stellen wir uns optimal auf? Welche Strategien führen uns zum Ziel? Ganz wichtig: Das gewählte Betriebsmodell muss zum Lebensmodell passen. Bin ich eher Kuhmensch oder Manager, will ich viel Freizeit und Urlaub und welches Wachstum strebe ich in welcher Geschwindigkeit an?“ Drei Betriebstypen nannte er: Der Typ 1 sei der Familienbetrieb aus Überzeugung, der sich trotz nur moderatem Wachstum von ca. 4 % nicht beirren lassen sollte, denn auch diese Strategie sei nachvollziehbar und für das Lebensmodell richtig. Der Typ 2 sei der spezialisierte Wachstumsbetrieb, der auch für die nachfolgende Generation oder Dritte attraktiv bleibe und der weil er viel Fremdkapital benötige einen Masterplan für die Betriebsstätte erarbeiten sollte. „Hier sollte man frühzeitig an Fremdarbeitskräfte denken, denn Wachstum ohne Mitarbeiter ist nicht möglich“, weiß Dr. Reil. Allerdings drohe auch eine Überlastung bis hin zum „burn-out“ trotz oder gerade wegen der Mitarbeiter und des Fremdkapitals. „Nicht zu vergessen ist auch die persönliche Isolation dieser Betriebsleiter. Man ist nicht mehr Dörfler, aber auch noch nicht Elite.“ Der Typ 3 schließlich sei der Betrieb mit Diversifizierungsstrategie. Diese Betriebsleiter wollen mehrere Betriebszweige parallel entwickeln und so das betriebliche Risiko mindern. Egal in welche Richtung man sich entscheide, so Dr. Reil, wichtig sei, dass man sich Gedanken über die richtige Strategie mache, denn „ ... es liegen extrem unsichere Zeiten vor uns.“
Richtige Melktechnik spart Zeit
Alfons Fübbeker, Berater für Landtechnik bei der Landwirtschaftskammer Niedersachsen, stellte die Möglichkeiten der Melktechnik für wachsende Betriebe vor. Bei der Wahl des optimalen Melkstandes seien die Faktoren Kuhzahl, verfügbare Melkzeit, Anzahl Melker, vorhandene Gebäude, Erweiterungsmöglichkeiten sowie die persönliche Neigung des Betriebsleiters entscheidend. Die Hauptarbeitszeit im Milchviehbetrieb nehme mit ca. 51 % das Melken ein, daher sei dies der Posten, wo mit der richtigen Technik am meisten Zeit zu sparen sei. Aber auch die Routinezeiten zu reduzieren könne viel bringen. „Hier gibt es Einsparmöglichkeiten, indem z.B. der Warteraum mit Nachtreibehilfen versehen und die Vorstimulation, das Nachmelken und die Melkzeugabnahme sowie das Dippen automatisiert werden“, so der Berater. Allerdings sei die technische Umsetzung des automatischen Dippens bisher noch unbefriedigend, da sei Handarbeit mit Dippbechern noch immer am besten. Daneben spare man Zeit u.a. mit sauberen Eutern, einer Herdeneinteilung in Gruppen (Problemtiere kommen am Schluss) sowie einer gesunden Herde, mit der ruhig umgegangen wird. Auch mit den derzeit stark nachgefragten Melkrobotern könne man Arbeitszeit einsparen, im Mittel 35 %, so Alfons Fübbeker, verbunden mit einer Steigerung der Milchleistung um ca. 7 % (bei 3-maligem Melken). Allerdings spare man die Zeit zwar beim Melken ein, müsse sie aber an anderer Stelle wie z.B. der Tierbeobachtung wieder einsetzen, da diese durch den geringeren Kuh-Mensch-Kontakt dann besonders intensiv erfolgen müsse. Trotz vieler Vorteile haben Melkroboter aber auch einen Nachteil: das Melken vor allem bei größeren Herden, die mehrere Roboter benötigen, sei teurer als mit den herkömmlichen Melksystemen, im Mittel ein Cent je Liter Milch. „Deshalb muss jeder, der sich einen Melkroboter anschaffen will, gut rechnen. Die Voraussetzungen für den betriebswirtschaftlich überlegenswerten Einsatz von Melkrobotern sind ein dafür geeigneter Betriebsleiter, ein hoher Stundenlohn und eine gute Auslastung des Melkroboters.“
Nicht 1.250 Kühe, sondern 1.250 mal eine Kuh
Der Landwirt Oane Landmann, der seit über 10 Jahren in Mecklenburg-Vorpommern lebt und seit drei Jahren einen eigenen Betrieb bewirtschaftet (Milchhof Friesian GmbH & Co. KG Göldenitz), gab seine Erfahrungen zum Arbeitsmanagement in Großbetrieben weiter. „Letztendlich kann man keine Kühe managen, man managt die Mitarbeiter, die mit den Kühen umgehen“, so seine Überzeugung. Außerdem zähle das Einzeltier, egal wie groß die Herde ist: Man habe nicht 1.250 Kühe, sondern 1.250 mal eine Kuh.
Als Kasten: Betriebsspiegel Milchhof Friesian
- 800 ha , davon 400 ha Acker (im Mittel 35 Bodenpunkte)
- Anbau 2008: 180 ha Mais, 30 ha Ackergras, 85 ha Raps, 125 ha Weizen
- 460 Liegeboxen (250 auf Spaltenboden, 210 auf Gummiboden)
- 5 AK
- momentan 11.000 kg Milch/Tag, Ziel 2008: >4,5 Millionen kg Milch pro Jahr
Er rät, sich Betriebsziele zu setzen. Seines lautet: „Jedes Jahr 10 % Wachstum, wobei eine „gesunde“ Bilanz zwischen Rentabilität, Liquidität und Stabilität erhalten bleiben muss.“ Alle Investitionen müssten zu diesem Ziel passen, was für ihn bedeute, kaum Technik anzuschaffen, sondern viele Arbeiten über Lohnbetriebe erledigen zu lassen. Er ist ein Freund von Arbeitsplatzbeschreibungen. „Ich kann nur erwarten, dass Arbeiten nach meinen Wünschen erledigt werden, wenn ich den Mitarbeitern genaue Anweisungen gebe. Daran hapert es häufig in der Landwirtschaft. Außerdem sind festgesetzte Abläufe wiederholbar und kontrollierbar, somit auch auswertbar, was für ein Controlling extrem wichtig ist“, so Oane Landmann. Auf seinem Betrieb gibt es Arbeitsplatzbeschreibungen u.a. für die Bereiche Geburtshilfe, Mastitis, Kälberdurchfall, Fruchtbarkeit. Vor allem die Fruchtbarkeit wird seiner Meinung nach in vielen Großbetrieben vernachlässigt, was der völlig falsche Weg sei. „Durch zunehmende Produktivität ist immer weniger Zeit je Kuh pro Tag und deren Fruchtbarkeit vorhanden. Für die Wirtschaftlichkeit in der Milchviehhaltung sei es nun mal extrem wichtig, dass Kühe tragend sind. Dazu müsse man die Brunst erkennen und zum richtigen Zeitpunkt besamen. Doch das gelinge nicht jedem Milchviehhalter gleich gut, genauso wie jede Kuh eine andere Fruchtbarkeit habe. Er empfahl das Pedometer zur sicheren Brunsterkennung. Daneben sollte alles in Haltung und Fütterung getan werden, um die Fruchtbarkeit der Kühe zu erhalten. „Unfruchtbarkeit ist der häufigste Abgangsgrund in unseren Herden. Doch eine unfruchtbare Kuh war mal fruchtbar, also hat sie ihre Unfruchtbarkeit unserem schlechten Management zu verdanken.“ Auch hier hat er ein Betriebsziel: „Ein Abkalberate von mindestens 110 %, wobei die Varianz in der Zwischenkalbezeit maximal 40 Tage sein darf, und das leistungsunabhängig, aber laktationsabhängig, d.h. Färsen gebe ich mehr Zeit.“
Vom Feuerwehrmann zum Manager
Wie man das Herdenmanagement in Großbetrieben organisiert, erläuterte Stephan Theisen, Fruchtbarkeitsmanager bei AltaPreg/Alta Deutschland GmbH. „Die wichtigsten Punkte in wachsenden Betrieben sind das Personal, die Organisation der Arbeit, sogenannte Kontrollpunkte sowie das Überwachen und Trainieren.“ Gut ausgebildetes Personal vor allem im mittleren Management zu finden werde immer schwieriger, und das nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Doch in wachsenden Betrieben seien Fremd-AK unentbehrlich. Wenn kein Fachpersonal zu finden sei, müssten die nicht so optimal ausgebildeten Mitarbeiter umso besser geschult werden. Man müsse als Arbeitgeber seinen Mitarbeitern ein optimales Arbeitsumfeld bieten, dazu gehöre neben geregelten Arbeitszeiten und Urlaub auch, dass Verantwortlichkeiten geklärt und die Aufgaben durch Arbeitspläne klar definiert sind. Je einfacher und verständlicher die Aufgaben formuliert seien, desto weniger Fehler könnten bei deren Ausführung entstehen. Diese Vorgehensweise nehme zwar in der Vorbereitung etwas Zeit in Anspruch, habe aber unbestreitbare Vorteile. „Wer Arbeitsabläufe systematisiert bzw. schriftlich fixiert, arbeitet ergebnisorientiert und stressfreier. Mitarbeiter und Aushilfen können selbständiger arbeiten und sich auf den Tag einstellen, das Personal ist z.B. bei Krankheit oder Urlaub leichter ersetzbar“, so Stephan Theisen. Außerdem empfahl er ein laufendes Controlling mit Kontrollpunkten, damit Schwachstellen schnell erkannt werden. „Nur das, was wir erfassen, können wir auswerten und verbessern.“ Die Auswirkungen eines ungenügenden Fruchtbarkeitsmanagements würden z.B. sonst erst sehr viel später sichtbar, viel Zeit und Geld sei dann bereits verloren. So könne man sich langfristig als Betriebsleiter vom Feuerwehrmann zum Manager entwickeln.
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